Über das richtige Tragen …
Das Tragen von Babys und Kleinkindern wird immer beliebter. Es ist eine neue “Tragekultur” in Deutschland entstanden. Aber noch immer gibt es zweifelnde Äußerungen von Außenstehenden, ob diese Form des Transports wirklich gut sein kann. Und auch Eltern (ver)-zweifeln an Tragetuch und Tragehilfe.
Warum Tragen?
Wussten Sie, dass der Kinderwagen erst Anfang des 19. Jahrhunderts erfunden wurde?
Wie wurden Babys vorher transportiert?
Genau – sie wurden getragen!
Tragen ist die ursprünglichste Art, sein Kind immer bei sich zu haben bzw. von einem Ort zum anderen zu “bewegen”. Wenn wir noch etwas weiter zurück schauen, wird schnell klar, dass das Tragen lebenswichtig war für die Nachkommen. Der Nachwuchs musste immer bei den Eltern sein. Nur so wurde er ausreichend vor Kälte, wilden Tieren und anderen Gefahren geschützt.
Das Tragen schenkt eine große Nähe, das Kind fühlt sich geborgen, es weiß vertraute Personen nah bei sich, es wird gewärmt, hört Stimmen, den Herzschlag. Durch die ständige Bewegung werden Muskeln und Gelenke des Kindes angeregt, der Gleichgewichtssinn wird unterstützt. Das Kind erfährt den eigenen Körper und den des anderen. Und es spürt Begrenzungen. All diese Punkte führen dazu, dass das menschliche Junge in der Verhaltensbiologie dem Typus “Tragling” zugeordnet wird.
Nicht nur für die getragenen Kinder selbst ist das Tragen mit vielen Vorteilen verbunden. Eltern genießen die intensive Nähe zu ihrem Nachwuchs. Sie wissen immer, wie es ihm geht und sind dadurch viel entspannter. Und nicht zu vergessen – sie haben endlich wieder beide Hände frei. Dieser Punkt stellt für viele Eltern ein “Aha-Erlebnis” dar. Die zurückgewonne Mobilität macht sich in jedem Lebensbereich bemerkbar: die Unabhängigkeit von Aufzügen und Kinderwagenrampen, ungehindert über (gut besuchte) Wochenmärkte schlendern können, das Erledigen von Wäsche und anderen Aufgaben im Haushalt … Ältere Geschwister bekommen viel mehr Mama und Papa, weil das Baby zwar dabei, aber nicht immer im Mittelpunkt ist. Der jüngste Familienzuwachs kann sich ganz unkompliziert in den bestehenden Familienalltag einfinden. Der Preisvergleich zwischen Kinderwagen und Tragetuch / Tragehilfe fällt ebenfalls zugunsten des Tragens aus.
Tragesysteme
Es ist nicht leicht, aus den vielen auf dem Markt befindlichen Tragesystemen die für sich selbst passendste und auch für den eigenen Nachwuchs geeignetste Tragehilfe zu wählen. Hinzu kommt, dass der Anteil der nicht empfehlenswerten Tragesystemen leider überwiegt.
Der Klassiker eines “Trageutensils” schlechthin ist wohl das Tragetuch. Es bietet zahllose Varianten von Trageweisen. Bauch-, Rücken- und Hüfttrage sind möglich. Es kann von Anfang an bis weit in das Kleinkindalter genutzt werden. Tragetücher gibt es in verschiedenen Längen und Webarten, diese lassen eine unterschiedliche Anzahl von Bindeweisen zu.
Die zweite große Gruppe sind die Rucksacktragen. Das Kind wird in einem “Tragesack” einer Tragehilfe getragen, welche auf dem Rucksackprinzip beruht. Der Träger legt sich die Tragehilfe um, das Gewicht wird von Trägern und Beckengurt gehalten. Insbesondere die gleichmäßige Verteilung der Last auf Schultern und Becken wie bei einem guten Wanderrucksack wird von vielen Eltern als sehr angenehm empfunden.
So genannte Mei Tais sind in den asiatischen Ländern eine traditionelle, viel verwendete Tragehilfe und auch bei uns inzwischen sehr beliebt. Im weitesten Sinne sind Mei Tais eine Symbiose von Tragetuch und Rucksacktrage. Sie sind klein und weich und kommen ohne Gestell, Schnalle u.ä. aus – wie ein Tragetuch. Aber man kann sie genauso schnell anlegen / umbinden wie eine Rucksacktrage.
Sehr beliebt sind ebenfalls Ring-Slings, bei denen mit Hilfe von zwei Ringen (Metall oder Plastik) ein Tragetuch zu einer “fertigen” Tragehilfe umgewandelt wird. Einmal geschlungen kann ein Sling immer wieder genutzt werden – das Anpassen erfolgt durch das strähnchenweise Festziehen der Stoffbahnen.
Richtig Tragen
Folgende Punkte sollten bei der Wahl der Tragehilfe und beim Tragen immer beachtet werden:
Die verwendete Tragehilfe sollte den natürlichen Rundrücken des Babys zulassen und die Anhock-Spreiz-Haltung unterstützen. Von einer korrekten Anhock-Spreiz-Haltung kann gesprochen werden, wenn die Tuchbahnen (Tragetuch) bzw. der Steg (Tragehilfe) von Kniekehle zu Kniekehle reichen und sich die Knie des Kindes ungefähr in der Höhe seines Bauchnabels befinden. Ist die Anhock-Spreiz-Haltung gegeben, ergibt sich von selbst ein Rundrücken. Der Stoff muss stützen und unterstützen
Bitte tragen Sie Ihr Baby niemals mit dem Gesicht nach vorn in Laufrichtung!
Oftmals wählen Eltern diese Trageweise, weil sie ihrem vermeintlich neugierigen Kind maximale Sicht ermöglichen wollen.
Die “Nach-Vorn”-Trageweise hat allerdings nichts mit der Natürlichkeit des Tragens zu tun. Das Kind kann in dieser Position nicht die korrekte Anhock-Spreiz-Haltung einnehmen, sondern wird in ein Hohlkreuz gedrückt. Der wichtige Blickkontakt und damit die Rückversicherung zu Mutter oder Vater ist nicht möglich. Das Baby hat keine Gelegenheit, sich zurück zu ziehen – es ist ständig mitten im Geschehen, es findet eine Reizüberflutung statt. Bei Jungen liegt das Hauptgewicht auf den Hoden und bei Mädchen auf der Symphyse.
Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihr Kind in einem Alter ist, wo es mehr von der Welt sehen möchte, können Sie es auf der Hüfte oder auf dem Rücken tragen. Die Trageweisen sind mit einem Tragetuch und auch mit einigen anderen Tragehilfen möglich.
Getragen wurde schon immer – in allen Kulturen und zu allen Zeiten. Auch in der heutigen Zeit ist das Tragen von Kindern keine Modeerscheinung der westlichen Welt.
Im Gegenteil – in vielen Teilen der Welt ist das Tragen von Babys ein wichtiger Teil der Kultur.
Lassen Sie sich auf die Erfahrung des Tragens ein – Sie werden sehen, wie schön es ist, wie entspannend (für Sie und Ihr Kind) und auch wie natürlich. Schenken Sie Ihrem Kind Halt und Geborgenheit und geben Sie ihm das Gefühl, immer behütet zu sein.
Im Rahmen einer Beratung bei einer zertifizierten Trageberaterin können Sie nicht nur verschiedene Tragehilfen ausprobieren, sondern lernen auch den korrekten Umgang mit den unterschiedlichen Systemen. Oftmals besteht die Möglichkeit, Tragetücher und andere Tragehilfen günstig auszuleihen.



